Unsere Großeltern kennen das Modell aus kleinen Dorfschulen: ein Raum, ein Lehrer und vor ihm die Reihen mit allen Kindern vom Erstklässler bis oft sogar zur Mittelstufe. Funktioniert hat’s irgendwie, Clevere profitierten manchmal sogar. Pädagogik in Gaulsheim hat mit der Struktur damals jedoch kaum Gemeinsamkeiten.

Im Stuhlkreis sitzen Dritt- und Viertklässler zusammen mit Lehrerin Anne Rohr, 44. Sie erklärt den 16 Kindern, was heute Ziel der Mathestunde ist: Gruppen bilden, die sich mit Würfelbildern beschäftigen. „Wer sich fit fühlt als Experte für seine Aufgabe, meldet sich bei mir.“ Wer Fragen beantworten kann, darf anderen Kindern helfen und ihnen die Prüfung abnehmen.

Die altersgemischten Teams legen mit farbigen Bausteinen los. An den Tischen werden Ideen diskutiert, manche verworfen, neue Konstruktionen zusammengeschoben und Lösungen mit Farbstiften auf Papier übertragen. Wer komplett auf dem Schlauch steht, bittet die Lehrerin um Hilfe.

Räumliches Denken ist gefragt. Aber der Austausch im Team, Konzentration auf die Aufgabe und Dranbleiben am Projekt scheint genauso wichtig. „Jedes Kind kann sich selbst unterschiedlich schwere Bauweisen auswählen“, erklärt Lehrerin Rohr den Vorteil der Baumeister-Übung.

Nachdenken über ein Thema, aber auf unterschiedlichem Level, das fordert Vorbereitung und Arbeitsmaterial nicht von der Stange. „Einmal in der Woche haben wir eine getrennte Arbeitsstunde jahrgangsbezogen“, erklärt Anne Rohr. Denn nicht alle Inhalte lassen sich parallel schalten.

Lehrerin Rohr hat das Prinzip in Nordrhein-Westfalen kennengelernt. „Deshalb war der Unterricht nicht komplett neu für mich.“ Die Kombiklassen sind im weiten Umkreis einzigartig; 41 solcher Kleinstschulen existieren landesweit.

Erst- und Zweitklässler werden in Gaulsheim zusammen im Obergeschoss unterrichtet, Dritt- und Viertklässler im Erdgeschoss, zusammen gerade einmal 28 Kinder.

Die gemischten Klassen sind ungewöhnlich für zugezogene Eltern, didaktisch oft herausfordernd für Lehrkräfte und für Kinder häufig ein Gewinn. „Fitte Drittklässler können schon Aufgaben von Viertklässlern erhalten“, nennt Anne Rohr als Beispiel. Und der Schulweg bleibt kurz.

Unterricht fordert mehr Selbstständigkeit

Wer hinhört, spürt schnell: Teambildung ist in der Klasse gefragt, Tippgeber genießen Ansehen, übernehmen Verantwortung für Schwächere. Ja, mehr Selbstständigkeit fordert der Unterricht in kombinierten Klassen schon. Und der Schritt nach der Grundschulzeit an eine Schule mit über 1000 Schülern wirkt gewaltig. Doch die behütete Grundlage mit engen Freundschaften über Altersgrenzen hinweg, das bereitet den Nährboden für die Lust aufs Lernen. Das zählt.

Spezielles Arbeitsmaterial ist für den eigenverantwortlichen, individualisierten Unterricht nötig. „Leser helfen“ will die Arbeit des engagierten Kollegiums unterstützen. Die Weihnachtsaktion dieser Zeitung bittet deshalb um Spenden.

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