GAULSHEIM – Während sich der Protest in diesen Tagen in Gaulsheim weiter formierte, erwischt die Grundschule An den Rheinwiesen die Entwicklung jetzt eiskalt von hinten. Trotz massiver Kritik der Eltern, des Landkreises, des Schulträgers und auch des Stadtrates will das Bildungsministerium die Zwergschule schließen. Gestern wurde die Entscheidung öffentlich.

Zwei Telefonate aus Trier

Lange hatte die Aufsichtsbehörde, die ADD in Trier, geschwiegen. Deshalb kommt die Entscheidung und vor allem ihre Eindeutigkeit jetzt für alle überraschend. Die Schließung soll zum Schuljahresende 2017/18 greifen. Gestern Morgen klingelte im Rathaus und auch in der Grundschule das Telefon. Anruf aus Trier. Für den Schulträger, die Stadt Bingen, sagt Oberbürgermeister Thomas Feser: „Wir werden kämpfen. Ich will, dass der Standort erhalten bleibt. Die kleinen Klassen sind pädagogisch wichtig; und die Frage muss doch erlaubt sein: Was soll sich mit einer Schließung verbessern? Die Lehrer bleiben die gleichen.“ Feser äußert Unverständnis auch deshalb, weil noch vor zehn Jahren die Situation in Gaulsheim mit wenigen Schülerinnen und Schülern eine ganz andere gewesen sei. Mit heute 28 Schülern stelle sich die Lage ganz anders da. „Wir behalten das bei. Die Räume sind da. Das Gebäude würde ansonsten leerstehen. Und wir müssten an die Kempter Grundschule anbauen“, beharrt Feser. Eine gänzliche Absage erteilt er dem Vorschlag, den offenbar die ADD in diesem Zusammenhang gemacht hat. Nämlich die Gaulsheimer Schüler zur Grundschule an der Burg Klopp zu bringen. „Das ist Banane“, so Feser. In der Struktur der Stadt Bingen mache dies schon grad gar keinen Sinn. „Und dann sollen wir zusehen, wie der Stadtteil Gaulsheim einfach ausblutet.“

Überrascht zeigt sich der Oberbürgermeister aber dennoch über die Entscheidung des Ministeriums und der ADD. Noch bei einer CDU-Veranstaltung zur Zukunft der Grundschule An den Rheinwiesen am Dienstagabend hatte er prognostiziert, dem Land werde der Mut fehlen, eine Schließungsentscheidung zu treffen, weil eben in Bingen ein klares Votum für den Erhalt der Schule existiere. „Ich bin wirklich überrascht, dass das Land nun diese Konsequenz zieht.“ Feser will die Grundschule zum Thema in der Stadtratssitzung am 14. Dezember machen. Eltern hatten während der Veranstaltung der CDU bereits angekündigt, bis zu diesem Stichtag weiter Unterschriften für den Erhalt der Schule sammeln zu wollen.

Schulleiterin Kerstin Achenbach erklärt gegenüber der AZ: „Die Betroffenheit ist groß.“ Gerade sitzen die Schulelternsprecher bei ihr, als der Telefonanruf eingeht. „Aber wir werden die Hoffnung nicht aufgeben“, sagt die Schulleiterin. Der Beschluss müsse nun durch alle Gremien. Die Hoffnung ist, dass sich doch noch etwas bewegen lässt. Auf jeden Fall hätten die Eltern ihre Unterschriftenaktion gestartet.

Für die SPD-Stadtratsfraktion erklärt Rouven Winter, er sei „negativ überrascht“. „Diese Entscheidung habe ich nicht erwartet“. Alle Signale, die seine Fraktion aus Mainz empfangen habe, hätten auf das Gegenteil hingedeutet. „Ich kann auch die Argumentation der Landesregierung nicht verstehen.“ Es handele sich um einen Eingriff in die kommunale Selbstverwaltung. Gaulsheim habe eine funktionierende Grundschule. Entsprechend werde auch die SPD einen Antrag in den nächsten Stadtrat einbringen. Winter schließt dabei auch den Klageweg nicht aus.

Im „Gaulsheimer Stübbche“ war am Dienstagabend die Stimmung bereits aufgeheizt, obwohl die Runde noch gar nichts von der jüngsten Entwicklung wissen konnte. Die bildungspolitische Sprecherin der CDU-Landtagsfraktion, Anke Beilstein, sprach von einer „bildungspolitischen Bankrotterklärung“. Bildungsministerin Stefanie Hubig habe für sich Realitätsverweigerung als Strategie gewählt. CDU-Stadtratsmitglied Elisabeth Gräff warnte hellseherisch davor, dass alle „kleinen Grundschulen kaputt gemacht“ werden sollen. Landrätin Dorothea Schäfer lobte, Gaulsheim habe „eine tolle Schule“. „Wenn diese Schule bleibt, ist es gut für die Kinder.“

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